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Die Halle ist abgedunkelt. Nur eine Matte in der Mitte strahlt im hellen Scheinwerferlicht. Um die knallgelbe Mattenfläche herum sitzen unzählige Fotografen in blauen Leibchen und richten riesige Objektive auf die beiden Kämpfer. Das Klicken der Kameras ist zu hören. Beim Grand Prix in Düsseldorf tritt im blauen Judogi der Weltmeister von 2010, Hiroyuki Akimoto auf die Tatami. Sein Gegner im Finale bis 73 kg ist der erst 21-jährige Sagi Muki aus Israel. Nachdem die aufputschende Einlaufmusik erloschen ist und beide Kämpfer die Matte betreten haben, kehrt eine angespannte Ruhe in die Halle ein. Der Fokus der 2900 Zuschauer und der Kameras ist auf die beiden Judoka gerichtet. Doch dort steht noch eine dritte und nicht unwichtige Person – Frank Wolf. Der Sachse ist in dieser Finalbegegnung Kampfrichter. Mit einem Handzeichen bittet er die Kämpfer zur Mattenmitte. Dann gibt er mit einem lauten „Hajime“ den Kampf frei.

Im vergangenen Dezember wurde Frank Wolf zum IJF A-Kampfrichter ernannt. Für seinen Kollegen Andreas Hempel, der bereits bei Olympischen Spielen in London als Kampfrichter dabei war, keine Überraschung: „Er hat es auf alle Fälle verdient. Er hat bei allen internationalen Einsätzen immer Bestnoten erhalten. Da war es nur logisch, dass er jetzt die höchste Lizenz erhält.“

Nach anderthalb Minuten spricht Wolf die erste Passivitätsstrafe gegen den Japaner aus. Das Publikum reagiert mit Pfiffen und Buh-Rufen auf die Entscheidung. Doch der Sachse bleibt ungerührt.

Das zeichnet einen guten Kampfrichter aus. „Er ist ruhig, hat ein gutes Selbstbewusstsein und gute Nerven. Er braucht aber auch den Mut, auch mal eine Entscheidung gegen das Publikum oder gegen die anderen Kampfrichter zu geben. Frank hat alle diese Fähigkeiten. Er hat die Sicherheit, auch schwere Kämpfe und kritische Situationen souverän zu meistern“, lobt der deutsche Kampfrichterreferent Stephan Bode seinen sächsischen Kollegen. Sein langjähriger Mentor Helmuth Müller ergänzt: „Er hat eine innere Ruhe und eine anziehende Ausstrahlung, ohne überheblich zu wirken.“ Ideale Eigenschaften für einen guten Kampfrichter.

Dann bekommt der Chemnitzer über den Kopfhörer eine Anweisung von den beiden Außenkampfrichtern. Diese sitzen an einem Tischen neben der Matte und sind per Funk mit dem Kollegen verbunden. Die Anweisung von außen wird direkt umgesetzt – der Israeli erhält seine erste Passivitätsstrafe. Der Kampf ist wieder ausgeglichen.

„Die Ernennung zum IJF-A-Kampfrichter ist wie ein EM-Titel bei den Sportlern“, erklärt der sächsische Kampfrichterreferent Helmuth Müller. Der Weg zu so einem Erfolg ist ein langer Weg. Auch die Kampfrichter haben langjährige und schwierige Qualifikationsphasen. Das ist vergleichbar mit denen der Athleten. Es ist zwar nicht so eine physische Belastung, dennoch enorm anstrengend. Mann muss über Jahre immer einsatzbereit sein und bei jedem Wettkampf Bestleistung bringen. Auch die Kampfrichter haben eine Rangliste. Bei jedem Wettkampf werden sie bewertet. Frank Wolf hat in der Vorbereitung fast nur Bestnoten bekommen. Für Stephan Bode ist die Nominierung für den Grand Prix in Düsseldorf daher auch nicht verwunderlich. „Andere müssen jahrelang warten. Er hat diese Chance sofort bekommen, steht sogar im Finale. Das spricht für seine Qualitäten.“

Der Japaner attackiert zunehmend. Zwar kann sich Sagi Muki immer wieder erfolgreich wegdrehen, muss aber eine weitere Passivitätsstrafe in Kauf nehmen. Die Sprechchöre für Akimoto werden lauter. Ein japanischer Fan-Club in einheitlichen weiß-grünen Gewändern gehüllt, sorgt mit Taiko-Trommlern für eine eindrucksvolle Geräuschkulisse.

Ein Kampfrichter muss immer hochkonzentriert sein. Es gilt, den Unterschied herauszufinden – wer ist der Bessere? Und der Bessere muss immer als Sieger von der Matte gehen“, beschreibt der Träger des fünften Dan die Aufgabe eines Unparteiischen. Die Kampfrichter sorgen dafür, dass gleiche Bedingungen herrschen. Kein Sportler soll bevorzugt werden.

Der 28-Jährige Japaner attackiert immer wieder mit tiefem Seoi-Nage. Muki verteidigt zwar geschickt, greift aber immer noch kaum an. Es folgt die dritte Bestrafung für den israelischen Meister. Noch zwei Minuten zu kämpfen.

Ungefähr 1000 Kampfrichter gibt es in Deutschland. 14 davon dürfen international schiedsen. Aber nur sieben haben die höchste Lizenzstufe: IJF-A. Frank Wolf gehört zu diesen sieben Besten. Der Weg dorthin war mit vielen Entbehrungen verbunden. Für viele Wettkämpfe musste er selber bezahlen. „Ich habe den idealen Job: Weil ich selbstständig bin, kann ich mir die Zeit gut einteilen. Zum Glück ist meine Frau auch Kampfrichterin und hat viel Verständnis für mein Hobby.“ Das braucht Sie auch. Im vergangenen Jahr war ihr Mann 49 Tage unterwegs. An über 25 Wochenenden war er nicht zu Hause und hat in dieser Zeit über 8.000 km zurückgelegt. Dazu kommen noch die vielen Flüge ins Ausland. Aber nicht immer sind es Einsätze auf internationalem Niveau. Der gelernte Kaufmann ist immer noch auf Landesebene unterwegs. „Das ist mitunter eine große Herausforderung. Die Techniken sind teilweise recht unorthodox. Das muss man hellwach sein.“

Hellwach sind auch die beiden Finalisten. Sagi Muki drängt und greift verstärkt mit Uchi-Mata an. Doch die Zeit läuft ihm davon. Er findet kein wirksames Mittel gegen den erfahrenen Japaner.

Erfahren ist auch Frank Wolf. Bereits 1984 hat der 44-Jährige als Kampfrichter angefangen. Auf der Judomatte steht er aber noch länger. Bereits als 9-Jähriger hat er mit dem Judo begonnen. Und auch heute ist er noch regelmäßig auf der Tatami zu finden. Einmal in der Woche geht er zu seinem Heimatverein, dem PSV LOK Chemnitz. Dann heißt es Mattenfußball zur Erwärmung und anschließend ein paar Runden Randori.

Noch 12 Sekunden Kampfzeit. Muki drängt nach vorn und der Japaner nutzt diesen Schub geschickt aus. Er taucht tief unter den Schwerpunkt des Gegners. Aikimoto wirft einen klassischen Ippon-Seoi-Nage. Frank Wolf reißt den Arm nach oben: Ippon. Das bedeutet die Goldmedaille und wichtige Ranglistenpunkte für die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 in Rio.

Wie auch bei den Sportlern, ist das größte Ziel – die Olympischen Spiele. Dabei ist es für einen Kampfrichter schwieriger, sich dafür zu nominieren. „Es gibt in Europa 180 A-Kampfrichter, davon fahren nur acht Referees zu den Olympischen Spielen. Bei den Judoka sind es 22 pro Gewichtsklasse“, erklärt Stephan Bode den Unterschied. Die Teilnahme an den Spielen wäre für den sympathischen Sachsen der Höhepunkt seiner Karriere. „Aber darauf kann man nicht direkt hinarbeiten. Besser es geht Schritt für Schritt: Für mich ist jedes Turnier wie Olympia. Ich gebe immer 120 Prozent! Nur dann hat man eine Chance.“

Frank Wolf ist Kampfrichter aus Leidenschaft. Sein Mentor und Weggefährte Helmuth Müller erinnert sich: „Früher haben wir Videos von den Wettkämpfen gemacht und die später im Garten ausgewertet. Das war ihm wichtig, sich immer wieder selbst zu überprüfen und zu verbessern. Dieser Ehrgeiz, möglichst exakt zu entscheiden, war bei ihm schon immer stark ausgeprägt. Er hat den Kampfrichter-Virus.“

Beide Sportler stehen sich schweißgebadet gegenüber. Referee Wolf überkreuzt seine Hände und fordert die Sportler auf, ihre Kleidung zu ordnen. Die Jacken sind gerade gezogen, die Gürtel noch einmal festgezurrt. Der Chemnitzer geht einen Schritt nach vorn, hebt den linken Arm und zeigt zum Japaner. Unter lautem Applaus des Publikums verbeugen sich beide Athleten. Das Urteil ist gefällt, der Sieger verkündet. Alle drei Protagonisten verlassen die Matte.

Vielleicht gibt es ein Wiedersehen zur WM. Denn das ist das nächste Etappenziel der Sportler und auch von Frank Wolf.

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