Anschreiben des Präsidenten zu Pressemitteilungen

Betreff: Zeitungsartikel der LVZ/Sportbuzzer vom 25.02.2021 „Sportart in akuter Gefahr: Ist Judo in Sachsen noch zu retten?“

Liebe Mitglieder des Judo-Verbandes Sachsen,

der Vorstand des Judo-Verbandes Sachsen e.V. möchte sich hiermit zur oben genannten Veröffentlichung und damit in Zusammenhang stehenden Sachverhalten äußern. Zu allererst distanziert sich der Vorstand vom gebrauchten Vokabular, wonach einerseits um die Meinung einzelner Trainer/Funktionäre eines sächsischen Vereins (hier benannt JC Leipzig) und andererseits um angebliche Fehlleistungen „des Verbandes“ geschrieben wird. Der Verband besteht aus rund 110 Vereinen und etwa 6300 Mitgliedern. Ich finde es befremdlich, wenn hier suggeriert wird, dass alle übrigen Vereine im JVS keine Ahnung vom Leistungssport haben. In vielen Vereinen wird intensiv und aktiv an der Entwicklung junger Talente gearbeitet. Diese Arbeit derart abzuwerten, ist sicher nicht förderlich für die Zusammenarbeit der Vereine und zum „Zusammenwachsen einer Judofamilie“, wie im Artikel (berechtigterweise) abschließend gefordert. Ich gehe also an dieser Stelle davon aus, dass der Verfasser oder die zu Wort gekommenen Personen hier mit „Verband“ die „Verbandsführung“ gemeint haben. Demnach die Funktionäre des Vorstandes, des Haupt-, Sport-, oder beispielsweise Ligaausschusses. Dieser Personenkreis hat sich für ein Amt zur Verfügung gestellt und wurde demokratisch gewählt, um die Belange des JVS zu vertreten. Soviel zur Sachlage.
Zur Art und Weise, wie dieser Artikel zustande gekommen ist, wird seitens des Vorstandes klar Unverständnis gezeigt. Es mag sein, dass der Verfasser hier sehr emotional und mit Informationen Einzelner den Finger in eine Wunde legt, die es zweifelsohne gibt. Keiner wird bestreiten, dass die leistungssportliche Entwicklung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte so nicht gewünscht war. Der Vorstand ist sich dessen bewusst. Jedoch muss auch deutlich gemacht werden, dass die wichtigste Regel im Journalismus die Sorgfaltspflicht ist. Was das bedeutet, möchte ich hier kurz skizzieren:

I Die wichtigste Grundregel für den Journalisten bei der Recherche ist die Sorgfaltspflicht. Die Recherche soll nicht nur eigenständig erfolgen, sondern auch unabhängig, will heißen, frei von Vorurteilen. Das bedeutet, bei der Recherche zu einem Thema geht es nicht darum, ein vorgefasstes Ergebnis, ein Vorurteil, zu belegen, sondern erst nach Beurteilung und Auswertung der Informationen (diese müssen aus verschiedenen Quellen stammen UND die Gegenseite muss gehört werden) den Beitrag öffentlich zu machen.

II Wichtig für die öffentliche Meinungsbildung ist es, dass nicht nur einer Seite die Gelegenheit zum Äußern zu einer bestimmten Entscheidung oder Handlung gegeben wird. Um ein komplettes Bild zu erhalten und eine unvoreingenommene öffentliche Meinungsbildung zu gewährleisten, muss auch der Gegenseite die Möglichkeit eingeräumt werden, sich zum Sachverhalt zu äußern. Das heißt, die Informationen in einem Beitrag müssen demnach hinreichend präzise, wahr und umfänglich sein (Ausgewogenheit). Die Berichterstattung ist erst dann ausgewogen, wenn das Beitragsthema aus verschiedenen Blinkwinkeln beleuchtet worden ist.

III Journalisten dienen nicht einzelnen Interessengruppen, sondern der globalen öffentlichen Meinung.

Diese Vorgehensweise, die man von Journalisten, die für eine renommierte Tageszeitung wie der LVZ tätig sind, erwarten können muss, gehört zu den ethischen Standards (PRESSEKODEX) im Qualitätsjournalismus.
Dies zur Art und Weise, wie ein Artikel laut Presserat verfasst sein sollte.

Es steht außer Zweifel, dass im Artikel verschiedene Blickwinkel dargestellt wurden. Einzig und allein die Gegenseite wurde nicht gehört. Daher wende ich mich nun an die Mitglieder des JVS. Die Gegenseite (im Artikel mit „Verband“ bezeichnet) ist hier nicht zu Wort gekommen. Wäre dies geschehen, hätten sich sicher einige der aufgeführten Argumente relativiert oder es wäre ein anderer Artikel verfasst worden. Letztlich gibt der Verfasser hier also die Meinung Einzelner wieder. Ob diese Art der Berichterstattung förderlich für das sächsische Judo im Allgemeinen ist, wird sich zeigen. Werbung war es definitiv nicht. Es bleibt festzuhalten, dass der Artikel auch einen kleinen positiven Aspekt hatte: In den letzten Tagen hatte ich sehr viele gute und konstruktive Gespräche, Telefonate und E-Mails bekommen, sodass sich festhalten lässt: den Vereinen ist der Leistungssport nicht egal und wir alle gemeinsam können hier viel bewirken. Dass dafür ein Umdenken erforderlich ist, steht außer Frage. Ich habe mich gefreut, dass ich in den Gesprächen einerseits viel Aufklärung leisten konnte, andererseits auch, dass die Vielzahl der Vereine nach vorn schauen und nach Lösungsmöglichkeiten in Zusammenarbeit mit den Verantwortungsträgern des JVS suchen. Es mag paradox klingen, aber: Ich freue mich sehr im Artikel zu lesen, dass die Vereine enger zusammenrücken. Das ist mein Ernst. Ich freue mich, dass sich Gedanken gemacht werden und scheinbar ein Thesenpapier erarbeitet wird. Das ist meine vollkommen ehrliche Meinung. Ich hätte mir aber gewünscht, dass wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen und aus den Blickwinkeln vieler Vereine hier ein gutes Konzept erarbeiten. Leider ist das in der Vergangenheit nicht geschehen, vereinzelt wurde stets über Entscheidungen der JVS-Verantwortlichen gemeckert und sich aufgeregt, ohne vielleicht Hintergründe oder nähere Informationen zu erfragen. Vor gut einem Monat fand die Nachwuchsleistungssportkonferenz des JVS statt. Nahezu alle leistungssportlich orientierten Vereine waren anwesend. Eine perfekte Plattform, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Leider wurden viele der im Presseartikel beschriebenen Themen nicht angesprochen. Es wäre so einfach gewesen. Doch Austausch ist wichtig, um die Gegenseite zu hören und vielleicht auch zu verstehen. Es muss also zu allererst eine Gesprächskultur im JVS entwickelt werden. Man muss nicht immer einer Meinung sein, aber man sollte klar MITeinander reden, anstatt mit vielleicht geringfügigen Informationsdefiziten wütend ÜBEReinander zu reden. Oft wäre ein kurzes Telefonat oder ein persönliches Gespräch zielführender als die angestaute Wut, die sich womöglich gegen Einzelne richtet, die dann in einem Artikel wie dem genannten mündet. Ich wünsche es mir für die Zukunft. Letztlich ist es unsere leistungssportliche Zukunft in Sachsen.
Ich muss an dieser Stelle auch kurz auf folgenden Sachverhalt eingehen: Die Überschrift des Artikels suggeriert dem Leser, dass der gesamte Judosport in Sachsen vor dem Aus steht. Aber: Der JVS besteht nicht nur aus Leistungssport! Wir haben auch viele breitensportorientierte Vereine. Betrachtet man die Anzahl der Mitglieder insgesamt und die Anzahl der wettkämpfenden Mitglieder, so zeigt sich, dass nur ein geringer Prozentsatz überhaupt dem Wettkampfsport (vom Leistungssport noch gar nicht zu reden) zugetan ist. Keine Frage: wir müssen die Anzahl unserer wettkämpfenden Sportler erhöhen. Je mehr Kinder und Jugendliche Wettkämpfe machen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Leistungswillen entwickeln. Doch wir brauchen eine gesunde und breite Basis. Ohne Breite keine Spitze! Diese Breitensportvereine mit dem Artikel nun per se mit dem Niedergang der Sportart zu konfrontieren, ist befremdlich. Dennoch: Es gilt zukünftig, ja, ab sofort, Angebote und Konzepte zu entwickeln, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie es uns gelingen kann, den Leistungssport im Nachwuchsalter zu fördern, um perspektivisch wieder einen hohen Stellenwert im deutschen Judo, optimalerweise mit einem Bundesstützpunkt, zu erlangen. Das geht, wie es Karl-Heinz Deblitz beschreibt, nur miteinander im Verband, den Vereinen untereinander, mit den Verantwortungsträgern.
Ich möchte nun zu einigen der im Presseartikel genannten Themen Stellung beziehen, da sie teilweise die tatsächlichen Gegebenheiten/Umstände nicht korrekt wiedergeben. Eines vorab: Es geht mir keinesfalls darum, die drei Personen, die im Artikel zu Wort kommen, zu diskreditieren oder persönlich anzugreifen. Ich möchte lediglich die Sachlage aus Sicht des Verbandes darlegen. Leider kenne ich Sportfreund Bierey nicht persönlich, das darf sich gern ändern. Matthias Kiefer, als Präsident des JC Leipzig möchte ich ebenso wenig für die Aussagen kritisieren, wie Karl-Heinz Deblitz. Vor ihm und seinen Verdiensten um das sächsische Judo habe ich höchsten Respekt, ich schätze ihn sehr. Ich wünsche mir, dass auch hier eine Gesprächskultur Einzug hält.
Zur so genannten „Demission“ von Udo Quellmalz: Ich möchte klar vorausschicken: Dass Udo Quellmalz nicht mehr als Trainer im JVS arbeitet, ist eine Tatsache, die aus vielen verschiedenen Umständen resultiert. Keinem Verantwortungsträger im JVS ist diese Tatsache recht, dennoch müssen wir sie akzeptieren. Dem Vorwurf, der Verband (sicher ist hier der Vorstand gemeint) hätte sich nicht um seinen Verbleib gekümmert, muss klar entgegengetreten werden! Der Werdegang kann hier nur in Kürze darlegt werden, es würde den Rahmen sprengen.
Der mehrfach geäußerte Vorwurf, wir hätten uns zu spät um Udo als Trainer bemüht, ist nicht richtig. Bereits seit 2004, damals unter dem Sportkoordinator Lutz Pitsch, wurde sich darum bemüht. Ein international erfahrener Sportler und Trainer wie Udo Quellmalz, der auf nationalen Ebenen Verantwortung trug, war aber leider nicht für den JVS zu gewinnen. Natürlich blieb man immer wieder in Kontakt. Ein weiterer Versuch aus der jüngeren Vergangenheit rührt aus dem Jahr 2017. Damals hatte ich mich selbst mit Udo, der damals noch in Kasachstan tätig war, ins Benehmen gesetzt und ihn gebeten, die vakante Stelle des Bundesstützpunkttrainers zu bekleiden. Tatsächlich konnte Udo für das Auswahl- und Bewertungsverfahren gewonnen werden. Dieses Auswahlverfahren wurde vom Olympiastützpunkt durchgeführt. Mit am Tisch saßen natürlich der DJB und auch der JVS. Das Auswahlverfahren war transparent und es wurde neben vielen weiteren Kriterien wie Hochschulabschluss oder das Erringen internationaler Erfolge als Sportler und Trainer auch die Verantwortung im Spitzensportbereich bewertet. Natürlich war Udo Quellmalz zweifelsohne der Wunschkandidat und Bestbewerber aus Sicht aller Beteiligten im Auswahlgremium. Leider zog Udo aus persönlichen Gründen seine Bewerbung zurück. Das war mehr als bedauerlich, aber es musste akzeptiert werden. Folglich rückte der als am zweitbesten geeignete Bewerber befundene Miguel Lopez nach. Der Vorwurf, die Verantwortlichen des JVS hätten bewusst einen „Top-Bewerber mit Leipziger Stallgeruch“ (Mike Göpfert) verhindert, muss klar zurückgewiesen werden. Das Auswahlgremium (nicht die Verantwortlichen des JVS haben hier allein entschieden, sondern ein Fachgremium aus OSP, DJB und JVS) hatte Miguel Lopez in einem transparenten Verfahren vor Mike Göpfert gesehen. Das war definitiv keine Entscheidung gegen Mike Göpfert, sondern für den Bewerber Miguel Lopez. Und dass der Vorstand des JVS keine Probleme mit dem angesprochenen „Stallgeruch“ hat, zeigen die Beispiele der Vergangenheit: Karl-Heinz Deblitz, Haiko Seidlitz, Markus Jähne, Maria Schneehardt, Falk Hofmann, Roman Schulze… Diese Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Alle sind Mitglieder im JCL oder einem Leipziger Judoverein (gewesen). Allein bleibt die Frage offen, wie alle anderen leistungssportlich orientierten Vereine im JVS auf das Selbstverständnis des JC Leipzig reagieren, dass ein verantwortlicher Trainer am Leistungsstützpunkt möglichst einen direkten Bezug zum JCL haben müsse. Ich finde diese Formulierung sehr unglücklich, da es für eine (gewünschte) Zusammenarbeit der Vereine untereinander sicher nicht förderlich ist. Lasst uns darüber reden!
Um zur Personalie Miguel Lopez zurückzukommen: Es ist ohne Frage ärgerlich, dass seine Tätigkeit als BSP-Trainer so schnell geendet hatte. Sein von ihm vorgestelltes Programm war ein anderes, ein langfristiges. Das Trainerteam und auch der Vorstand des JVS waren ebenso überrascht wie ungehalten, dass er die Entscheidung, den BSP Leipzig zu verlassen, getroffen hatte. Überhaupt sehnt sich auch der Vorstand des JVS nach mehr Kontinuität, was die Besetzung der Trainerstellen anbelangt. Leider ist es uns in den vergangenen Jahren nicht geglückt, dass die Trainer langfristig in Leipzig bleiben. Seit Norbert Littkopf nicht mehr Bundestrainer war, suchen wir diese Konstanz. Eine lange Zeit. Oftmals war es gar nicht möglich, Einfluss auf einen Trainerverbleib auszuüben. Wenn die damalige Führung des DJB festlegt, dass der Bundestrainer U21, Claudiu Pusa zusammen mit Costel Danculea aus Leipzig nach Köln zu kommen hat, dann konnte auch das Intervenieren des Vorstandes diese Entscheidung nicht ändern. Zusätzlich wurde vom damaligen DJB-Präsidenten, gleichzeitig NRW-Präsident, die Möglichkeit geschaffen, das Claudiu Pusa einen weiteren Trainer mit nach Köln bringen konnte, der dort ohne Ausschreibung als BSP-Trainer eingesetzt wurde. Brisant dabei: Die Verträge zur Anstellung von Costel Danculea als BSP-Trainer in Leipzig waren unterschriftsreif. Personalie Lena Göldi: Auch die damalige Bundestrainerin U18 wurde aus Leipzig nach Köln gerufen. Das war so geplant, seitens des DJB. Auch hier führten die Gespräche mit dem DJB nicht zum Erfolg. Die Fluktuation auf den Trainerposten war zu hoch. Seit dem Abgang Claudiu Pusas habe ich mehrfach die Zuordnung eines Bundestrainers an den BSP Leipzig beim Präsidenten des DJB, damals noch Peter Frese, gefordert. Leider erfolglos. Ob eine langfristige, gewollte „Degradierung“ des BSP Leipzig seitens der damals Verantwortlichen im DJB bewusst forciert wurde, vermag ich nicht zu beurteilen, da vieles vor meiner Zeit im Vorstand entschieden wurde. Es macht einen natürlich stutzig, wenn der Stützpunkt in Leipzig als der „infrastrukturell am besten aufgestellte“ vom DJB benannt und doch gestrichen wurde.
Ich kann versichern, dass der Vorstand nichts unversucht gelassen hat, diesen BSP zu erhalten. Leider wurde so entschieden, wie es momentan ist. Es nützt uns aber nichts, zurückzublicken und die Schuldigen zu suchen und festzustellen, was an welcher Stelle falsch lief, um darauf herumzuhacken. Es muss freilich eine Aufarbeitung erfolgen, gleichzeitig aber auch nach vorn geblickt werden. Es muss unser oberstes Ziel sein, diesen Status des Bundesstützpunktes wieder zu erlangen. Punkt. Diese Maßgabe gilt noch immer! Mit eben jener Maßgabe wurde auch vor einem und einem dreiviertel Jahr (lt. Presseartikel „…vor gut einem Jahr installierten…“) ein Konzept entwickelt, wie der Status eines Bundesstützpunktes schnellstmöglich wieder erlangt werden kann. Ein Bestandteil waren intensive Gespräche mit dem LSB Sachsen, dem Sächsischen Ministerium des Inneren und dem DJB zur Finanzierung einer zusätzlichen Trainerstelle am Stützpunkt Leipzig. Diese bekleidet seither Mike Göpfert. Die Entscheidung fiel auch dieses Mal in einem transparenten Ausschreibungs- und Vergabeverfahren des OSP Sachsen. Der Vorstand begrüßt diese Anstellung, da neben seinen fachlichen Qualitäten auch die Nähe zum Thüringer Judoverband und die Tatsache, dass er Leipziger ist, strukturell uns weiterhelfen sollten. Um diese Stelle zu schaffen, wurden intensive Gespräche mit dem DJB geführt, die dem Stützpunkt Leipzig den Status eines „Leistungsstützpunktes mit herausgehobener Stellung“ verliehen, ohne die eine Förderung an vielen Stellen und die Schaffung der mischfinanzierten Trainerstelle gar nicht möglich gewesen wäre. Im gleichen Atemzug war es uns gelungen, Udo Quellmalz für die Stelle des Leitenden Landestrainers zu gewinnen. Ein Glücksfall für den JVS. Udo wurde das Projekt „Wiederaufstieg zum Bundesstützpunkt-status“ vorgestellt. Und ja, Udo reizte die Aufgabe, mit den besten Sportlern aus Sachsen die Zukunft des JVS und auch des mitteldeutschen Judos mitgestalten zu dürfen. Er trat mit der Prämisse an, gemeinsam mit den besten Sportlern wieder etwas Großes zu schaffen. Zweifelsohne sind seine Aura und sein Ansehen im JVS, deutschlandweit und international groß. Der Vorstand erhoffte sich davon und von Udos Trainerexpertise viel. Udo übernahm von Anfang an Verantwortung, zog die Leistungssportverantwortung auf seinen Tisch. Das Projekt war im Aufschwung. Udo übernahm hoffnungsvolle Talente wie die Geschwister Slamberger, Daniel Herbst, Emil Johann Hennebach, Lenny Burk, Nicole Stakhov aus den Händen guter Trainer wie Denis Herbst, Torben Kramer oder Juan Cuneo. Die Erfolge stellten sich ein, nationale Meistertitel waren die Folge, Nominierungen zu den internationalen Jahreshöhepunkten der Altersbereiche. Leider flossen all diese Ergebnisse coronabedingt nicht in die Bewertungen übergeordneter Instanzen ein. Das war schmerzhaft. Gleichzeitig war es für mich eine Freude, den Aufschwung und die Arbeit des Trainerteams zu sehen. Auch wenn dies im Artikel in Abrede gestellt wird, möchte ich mich klar vor die Arbeit unserer Trainer im JVS stellen. Wir arbeiten im U15/U18-Bereich für unsere Zukunft. All das ist ausbaufähig, keine Frage. Ideen und der Austausch mit den Vereinen sind hier gefragt. Erste Sichtungen bereits in der Altersklasse U13, JVS-Ranglisten, Aufwertung der Kaderzugehörigkeit im JVS, Unterstützung der Vereine in den Bezirken, Schaffung eines leistungssportlichen Grundverständnisses… Es gibt unzählige Ansätze. Sie müssen nur besprochen und strukturiert in Angriff genommen werden. Gemeinsam mit den Vereinen.
Zurück zur Personalie Udo Quellmalz. Der erste Aufschwung bekam erstmals im Oktober 2020 einen ersten herben Dämpfer. In einer Konferenz in Leipzig, bei der neben den Verantwortlichen des OSP und des JVS auch Vertreter des LSB und des DJB anwesend waren, bekannten sich ausnahmslos alle zum Projekt „Wiederaufstieg zum Bundesstützpunktstatus“. Punkt. Das klingt zunächst vielversprechend. Leider wurde seitens des DJB aber auch klar und unerschütterlich festgelegt, dass alle Athleten mit einem Kaderstatus NK1 oder höher nach dem ersten Ausbildungsabschnitt (Abitur/Lehre) ihren Lebensmittelpunkt an einen bestätigten Bundesstützpunkt zu verlegen haben oder sie würden ihren Status verlieren und seitens des DJB nicht mehr berücksichtigt. Diese Tatsache war sowohl für Udo als auch für mich und den gesamten Vorstand unfassbar und ein herber Rückschlag. Zugegebenermaßen ist es fraglich, wenn der Verfasser des jetzigen Artikels in einem Kommentar vom 15.2.2021 dem DJB „Erpresserische Methoden nach chinesischem Vorbild“ vorwirft. Von diesem Wortlaut distanziert sich der Vorstand des JVS deutlich. Aber in einem Kommentar darf der Autor seine eigene Meinung frei preisgeben. Wenn er dies in der angegebenen Weise tut, ist das sein gutes Recht. Die Art und Weise des Kommentars teilt der JVS nicht, wohl aber hat er inhaltlich in Teilen womöglich Recht. Die Leistungssportreform des DOSB bringt zutage, dass letztlich nur noch die Besten gefördert werden, der Rest fällt „hinten runter“. Es ist unfassbar, dass es sich der Spitzenverband scheinbar erlauben kann, seine besten Sportler nicht mehr zu berücksichtigen, sollten sie sich nicht einem anderen Bundesstützpunkt zuwenden. Wie kann es sein, dass eine aktuelle deutsche Meisterin vom infrastrukturell am besten aufgestellten Stützpunkt (O-Ton DJB) nicht weggehen möchte und dadurch vom DJB nicht mehr berücksichtigt wird? Es gab unzählige Gespräche zu diesem Thema, Udo führte sie, ich führte sie Der Vorstand insgesamt war hier tätig. Allein der DJB verharrt auf seinem Standpunkt, dass hier keine Förderung mehr geschieht. Um den genannten Kommentar aufzufassen: Ich hoffe nicht, dass die deutschen Judoka 2024 und 2028 von der Konkurrenz vermöbelt werden. Gleichzeitig muss ich dem Vorwurf des fehlenden Schulterschlusses des „Landesverbandes“ (hier waren sicher auch die Verantwortungsträger des JVS gemeint) mit den stärksten Vereinen (wie auch immer die Stärke bemessen wird) entschieden entgegentreten. Da ich davon ausgehe, dass hier die mitgliederstärksten und in der Vergangenheit erfolgreiche Vereine des Sportbezirks Leipzig gemeint sind, gibt es wohl keine bessere Handreichung als die Anstellung zweier Leipziger Urgesteine (Mike Göpfert/Udo Quellmalz) wobei einer davon noch die Leistungssportverantwortung des JVS innehat(te).
Nichtsdestotrotz wurde mit der Entscheidung zum zwangsweisen Wechsel der besten Sportler an andere Stützpunkte das gesamte Konstrukt zur Wiedererlangung des Bundesstützpunktstatus´ auf den Kopf gestellt. Udo Quellmalz wurde durch diese Entscheidung die Vision und Arbeitsgrundlage genommen. Ich muss gestehen, dass ich Udos Enttäuschung über diese Umstände bedingungslos teilte und noch immer tue. Bereits kurz nach der Bekanntgabe des geforderten „Zwangswechsels“ seitens des DJB äußerte Udo Zweifel an der Sinnhaftigkeit seiner Anstellung. Als Mann klarer Worte sah er das Ziel gefährdet und eine Wiedererlangung des BSP ohne die besten Sportler Mitteldeutschlands außer Sichtweite. Ich kann das verstehen. Ein renommierter Trainer und international erfolgreicher wie anerkannter Judofachmann will mit den Besten arbeiten, ist ehrgeizig, zielorientiert. Nun wird seitens des DJB die Zielstellung verändert. Natürlich äußert ein Trainer vom Format eines Udo Quellmalz dann auch Wechselgedanken. Es gab eine Reihe von Gesprächen, immer auf Augenhöhe. Letztlich folgte kurz vor Weihnachten die Mitteilung des LSB zur Mittelkürzung. Es stand für die Verantwortlichen des JVS außer Frage, dass die Mittel nach dem Wegfall des BSP gekürzt würden, dass es allerdings in der besagten Höhe von 80.000 € geschehen würde, war nicht absehbar. Natürlich hat der LSB seine Berechnungsgrundlagen und war in den vergangenen Jahrzehnten stets verlässlicher Partner des JVS. Allein die Höhe und der Zeitpunkt, die Kurzfristigkeit der Mittelkürzung waren für alle absolut unerwartet.
Es bleibt festzuhalten, dass der JVS reagieren musste. Es ist verständlich, dass der Leser des Artikels mit Unverständnis reagiert, wenn der JVS den erfolgreichsten deutschen Judoka angeblich rauswirft. Dem ist aber nicht so. Mit Bekanntgabe der Mittelkürzung wurde seitens des Vorstandes alles dafür getan, dass Udo den JVS nicht verlässt. Mit Denis Herbst und Torben Kramer wurden Angestelltenverhältnisse nicht verlängert, beide werden zukünftig lediglich geringfügig beschäftigt. Heide Wollert hätte nach ihrer Rückkehr aus der Elternzeit Anspruch auf eine volle Stelle im Leistungssport gehabt. Sie hat einem geänderten Arbeitsvertrag zugestimmt, wonach sie einerseits nur noch ganz geringen leistungssportlichen Bezug hat und andererseits die Geschäftsstelle unterstützt, wird also nicht mehr aus dem „Leistungssporttopf“ bezahlt. Über all diese Maßnahmen spricht keiner. Viele Angestellte im JVS haben hier zurückgesteckt. All diese Maßnahmen wurden unternommen, um Udo zumindest eine halbe Stelle in seinem Aufgabengebiet (der lt. Aussage des LSB zukünftig nicht unser Schwerpunkt sein sollte) anzubieten. Es wurden Gespräche geführt, ob Udo die halbe Stelle im JVS und als Ergänzung eine halbe Stelle womöglich in einem Verein oder in einer Schule organisiert werden soll. Es wurde Udo auch angeboten, seinen Arbeitsschwerpunkt in den Nachwuchsbereich zu verlagern. Leider konnte sich Udo für keine der angebotenen Varianten entscheiden. Durch diese Nichtannahme der halben Stelle und der gemachten Angebote stehen überhaupt erst finanzielle Mittel zur Unterstützung des weiteren Weges des JVS zur Verfügung. Das ehrt Udo sehr und verdient meinen höchsten Respekt. Überhaupt empfand ich die Gespräche mit Udo stets sehr offen, ehrlich und konstruktiv. Letztlich muss man statuieren – und das war auch der Hauptgrund für Udos Ausscheiden aus dem JVS –, dass die 2019 gesteckten Ziele unter den geänderten personellen (die besten Sportler müssen weggehen) und finanziellen Bedingungen für Udo nicht mehr realisierbar waren und er auch deshalb eine weitere Anstellung verneinte. Das ist traurig, keine Frage, zumal Udo von seinen bisherigen Trainerstationen stets den Anspruch hatte, immer mit den Besten zu trainieren und ihm diese Vision in Sachsen genommen wurde. Nicht vom Vorstand des JVS, sondern von den Verantwortlichen des DJB.

Ich hoffe, hier ein wenig Aufklärung zum Sachverhalt geleistet zu haben. Der Vorstand hätte sich einen anderen Werdegang gewünscht. Und ja, ich verstehe Karl-Heinz Deblitz, wenn er Unverständnis zeigt, wenn eine Judopersönlichkeit wie Udo den JVS verlässt. Bei allem Respekt für ihn muss ich es jedoch als Respektlosigkeit bewerten, wenn er dem Vorstand des JVS „Kurzsichtigkeit oder Dummheit“ vorwirft. Ich glaube, die vorangestellten Zeilen zeigen, dass alle gemeinsam in den letzten 20 Monaten alles andere als kurzsichtig gehandelt haben, eine Perspektive war für Udo und alle Beteiligten erkennbar. Dass diese Perspektive nun nicht mehr in der Form vorhanden ist, heißt nicht, dass es sie nicht gab. Und ja, es ist keine Frage: Unter den derzeitigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen müssen wir tatsächlich froh über jeden sein, der Leistungssport machen will. Da widerspreche ich nicht. Es gibt allerdings nicht nur den JC Leipzig, der sich dem Leistungssport widmet. Es gibt noch viele Vereine mehr. Ich würde mich freuen, wenn hier ein in die Zukunft gerichteter Austausch entsteht, anstatt zurückzublicken und das Negative zu bewerten. Aus Fehlern müssen wir lernen. Das Gute der Vergangenheit müssen wir aufgreifen werden, aber auch neue Ansätze finden. Die Zeiten, die Gesellschaft und das Judo haben sich im Vergleich zur benannten Zeit „…vor 20,25 Jahren…“ geändert.
Der Vorstand freut sich auf einen Austausch mit den Vereinen, explizit inbegriffen ist hier auch der JC Leipzig. Einige Ansätze in den Aussagen von Karl-Heinz Deblitz finde ich dennoch zumindest fragwürdig: Natürlich muss ein Bundesstützpunkttrainer Vereinsneutralität wahren. Welche Außenwirkung entsteht denn, wenn einzelne Sportler einer Trainingsgruppe intensiver bei Wettkämpfen betreut werden als andere. Das mag aus Sicht des JC Leipzig vielleicht selbstverständlich erscheinen, andere Vereine sehen das absolut anders. Wie wäre es denn, wenn Jogi Löw sich plötzlich an die Seitenlinie seines Lieblingsbundesligavereines stellt und dort Anweisungen gibt. Hinsichtlich der Personalie Olaf Schmidt gibt es in der Tat Redebedarf. Ich schätze ihn als Person, Fachmann und Kollege in der Danprüfungskommission sehr. Ich möchte dies hier nicht weiter ausführen, doch ich hoffe auf ein konstruktives Gespräch mit ihm. Dieses wird zeitnah geführt. Weiterhin muss ich widersprechen, wenn behauptet wird, „Gelder seien sinnlos nach Riesa geflossen“. Eine drittelfinanzierte Trainerstelle sollte helfen, den Bezirk Dresden zu stärken und die Talente dort zu fördern, für eine leistungssportliche Entwicklung in Leipzig zu gewinnen. Dass das funktionieren kann, zeigt Eric Luderer in Rodewisch eindrucksvoll. Leider war das Projekt in Riesa nicht so erfolgreich, wie im Vogtland. Die Drittelfinanzierung jedoch mit fehlenden Mitteln beim Bundesstützpunkt in Verbindung zu bringen, ist haltlos. Die Bundesstützpunkttrainer wurden noch nie aus dem „Talententwicklungstopf“ des JVS vergütet. Arbeitgeber ist hier der OSP.
Ich weiß, dass meine Ausführungen umfangreich und sehr ausführlich sind. Dies hat zweierlei Gründe. Einerseits möchte ich den Presseartikel relativieren und korrigieren. Allein aus dem Grunde, dass sich viele Vereine nach Rücksprache und in den persönlichen Gesprächen eben das gewünscht haben, um die tatsächliche Situation im sächsischen Leistungssportjudo aufzuklären. Der zweite Grund ist der, dass mit dem heutigen Tage die Leistungssportverantwortung erstmals seit 2001 nicht mehr im Hauptamt liegt. Mit dem Ausscheiden von Udo Quellmalz aus dem JVS am gestrigen Tage wird der Leistungssport im JVS auf präsidiale Ebene gehoben. Lag es in den vergangenen Jahren in den Händen des Hauptamtes, so wird voraussichtlich bis zur Wahl im kommenden Jahr die Leistungssportverantwortung übergangsweise auf den Präsidenten und den langjährigen Sportkoordinator und derzeitigen Schatzmeister Lutz Pitsch verteilt. Oberstes Ziel wird es in den kommenden Wochen sein, in den engen Austausch mit allen leistungssportlich orientierten Vereinen zu treten und eine grundsätzliche Neustrukturierung vorzunehmen. Eine Leistungssport-Arbeitsgruppe zur Neuordnung unter maßgeblicher Beteiligung der Vereine soll geschaffen werden. Diese soll strukturelle Belange ebenso wie inhaltliche Fragen erörtern und im Zusammenwirken mit dem Trainerteam ein Lösungspapier erarbeiten. Ob sich dies mit der Schaffung eines angekündigten „Thesenpapiers“ deckt, sei dahingestellt.
Ziel muss es sein, konstruktiv ein tragfähiges Konzept bis zur Wahl im Jahr 2022 zu erstellen und dort ggf. eine Präzisierung hinsichtlich der Vizepräsidentenfunktion mit Leistungssportbezug vorzunehmen. Wünschenswert wäre es dann, einen ehemaligen Leistungssporttrainer oder Spitzenathlet für diese Funktion zu gewinnen und die Leistungssportverantwortung dann an diese Funktion zu knüpfen. Diese Idee und weitere sollen bereits in den kommenden Wochen andiskutiert werden.
Ich wünsche mir hierfür einen offenen Austausch ohne Vorbehalte und Vorhaltungen. Es kann nur mit einem offenen, vorbehaltlosen und freien Blick nach vorn gelingen, den Leistungssport in Sachsen wieder nach vorn zu bringen. Packen wir es an!

Herzlichst,
Ihr/Euer

Frank Nitzel.
Präsident Judo-Verband Sachsen e.V.

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